Psychische Gesundheit vs Psychische Erkrankung

„Bin ich psychisch krank?“ „Ist die Art wie und was ich fühle und denke noch normal?“, „Ist mein Verhalten nicht (mehr) so, wie es vielleicht sein sollte?“

Wenn du dir solche oder ähnliche Frage stellst, hast du bereits einen wichtigen Schritt getan. Denn dies bedeutet, dass du gemerkt hast, dass gerade irgendetwas mit dir nicht in Ordnung ist und du eventuell professionelle Hilfe brauchst. Allerdings bist du dir vielleicht diesbezüglich noch nicht so sicher und suchst nach Antworten. Diese würde ich dir gerne versuchen, zu geben.

Ein seelisches Auf und Ab im Leben ist ganz normal und kennt jeder. Es kann einem schließlich nicht jeden Tag gut gehen; denn ohne Negatives könnten wir auch nichts Positives empfinden.
Bestimmte „negative“ Reaktionen auf verschiedene Lebensereignisse können sogar „hilfreich“ sein:

Die Trauer nach dem Tod eines geliebten Menschen zeigt uns, dass wir grade den Verlust verarbeiten und kann auch nach außen hin zeigen, dass wir eventuell Zuneigung von anderen Personen oder unsere Ruhe benötigen. Alpträume können ebenfalls darauf hindeuten, dass wir grade ein belastendes Erlebnis verarbeiten. Wenn wir nach einer anstrengenden Arbeitsphase immerzu müde sind, zeigt uns unser Körper, dass er etwas Zeit benötigt, um die Batterien wieder aufzuladen. Oder auch die Niedergeschlagenheit nach einem Jobverlust kann uns zeigen, dass es uns einfach wichtig ist, eine Lebensperspektive zu haben.

Ab wann spricht man von einer psychischen Erkrankung?

Doch wie grenzt man jetzt ab, ob es einem momentan einfach nicht so gut geht oder ob man wirklich unter einer psychischen Störung leidet?

  • Ist es denn wirklich bloß eine normale Trauerreaktion oder doch eine Anpassungsstörung oder habe ich sogar bereits eine Depression entwickelt?
  • Sind es nur normale Alpträume oder sind diese Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung?
  • Bin ich von der Arbeit einfach nur erschöpft oder leide ich bereits unter einem Burnout?
  • Bin ich einfach ein sehr ordentlicher/reinlicher Mensch oder ist dies schon eine Zwangsstörung?
  • Bin ich vielleicht nur eine sehr schüchterne Person oder leide ich unter einer sozialen Angststörung?

Die Abgrenzung zwischen „normal“ und „psychischer krank“ ist oftmals gar nicht so einfach, da sich psychische Störungen auf einem Kontinuum befinden. Das heißt der Übergang ist fließend und somit nicht so einfach erkennbar wie z.B. ein gebrochener Arm.

Aus diesem Grund ist eine eindeutige Definition davon, was eine psychische Störung ist, notwendig.

In den beiden wichtigsten Klassifkationssystemen (ICD-10 der World Health Organisation und DSM-V der American Psychiatric Association), welche die Diagnosekriterien für alle verschiedenen psychischen Störungen umfassen, werden dazu folgende relevante Kriterien genannt:

1. Die Abweichung der statistischen Norm, d.h. die „Seltenheit“ des Befindens, Erlebens und Verhaltens in der Bevölkerung.

2. Die Abweichung von der sozialen Norm, d.h. von gesellschaftlichen Erwartungen, wie sich eine gesunde Person zu fühlen bzw. zu verhalten hat. Hierbei ist zu beachten, dass diese auch dem Zeitgeist unterliegt und sich somit ändern kann.

3. Die Abweichung von der funktionalen Norm, d.h. wenn die Person im alltäglichen Leben eingeschränkt ist, also etwa nicht mehr arbeiten, Zielen nicht mehr nachgehen, soziale Beziehungen eingehen oder diese genießen kann.

4. Das Ausmaß des Leidensdrucks der betroffenen Person.

Zudem ist auch Dauer der Normabweichung hinsichtlich der Diagnosenstellung in den meisten Fällen ausschlaggebend. Denn meist ist es so, dass wir mit Lebenskrisen recht gut alleine oder mithilfe von Gesprächen mit Familie, Partner oder Freunden zurecht kommen und es uns nach einiger Zeit wieder besser geht. Unterliegen wir diesen persönlichen Funktionsbeeinträchtigungen jedoch für eine längeren Zeitraum und leiden darunter, ist das Vorliegen einer psychischen Störung wahrscheinlich.

Der Selbsttest: “Bin ich psychisch krank?”

Wenn du das Gefühl hast, dass diese Kriterien aktuell auf dich zutreffen, dann biete ich dir im Folgenden an, einen Selbsttest (coming soon) zu machen.

Dieser erste Test soll dir nur einen groben Überblick darüber verschaffen, unter welchen Störungen du leiden könntest. Darauf folgend kannst du dir passende Artikel (coming soon) zu den jeweiligen Störungsbildern durchlesen und dort jeweils einen detaillierten Test machen. Falls du jedoch schon eine eigene Vermutung haben solltest, kannst du den ersten Test natürlich auch überspringen und direkt überprüfen, ob du z.B. unter einer Depression leiden könntest.

Wichtig ist hier allerdings zu sagen, dass diese Tests nur Hinweise auf das Vorhandensein einer möglichen psychischen Störung geben und keinesfalls eine fachmännische Diagnose ersetzen. Wenn im Rahmen dieser Selbsttests herauskommen sollte, dass du eventuell unter einer psychischen Störung leidest, ist dies kein Grund in große Sorge zu verfallen oder dich gar zu schämen.

Auch heute denken leider noch viele Menschen, dass es besonders schlimm sei, psychisch krank zu sein. Dabei sind in Deutschland jedes Jahr fast 30% der erwachsenen Bevölkerung von einer psychischen Erkrankung betroffen (wovon leider nur knapp 19% professionelle Hilfe aufsuchen). Damit möchte ich dir zeigen, dass du mit deinen Problemen auf keinen Fall alleine bist, auch wenn bedauerlicherweise noch (zu) viel darüber geschwiegen wird. Doch wer sein Problem erkennt und gewillt ist, daran zu arbeiten, dem wird es deutlich schneller besser gehen. Zumal bei einer Nicht-Behandlung auch die Gefahr einer Chronifizierung vorhanden sein kann.

Deutsche Gesellschaft für Geschichte der Nervenheilkunde (DGGN) (2020). Basisdaten psychische Erkrankungen (S.1). Abgerufen von https://www.dgppn.de/_Resources/Persistent/a2e357dac62be19b5050a1d89ffd8603cfdb8ef9/20201008_Factsheet.pdf

Berking, M. (2012). Was ist klinische Psychologie?. In Berking, M. & Rief, W. (Hrsg.), Klinische Psychologie und Psychotherapie für Bachelor. Band I: Grundlagen und Störungswissen (S.3). Berlin Heidelberg: Springer.

Rief,W. & Stenzel, N. (2012). Diagnostik und Klassifikation. In Berking, M. & Rief, W. (Hrsg.), Klinische Psychologie und Psychotherapie für Bachelor. Band I: Grundlagen und Störungswissen (S.11-12). Berlin Heidelberg: Springer.

Wittchen, H.-U. & Hoyer, J. (2011). Was ist Klinische Psychologie? Definitionen, Konzepte und Modelle. In Wittchen, H.-U. & Hoyer, J. (Hrsg.), Klinische Psychologie & Psychotherapie (2. Auflage) (S.8-9). Berlin Heidelberg: Springer.

American Psychiatric Association (APA). (2015). Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen DSM-5® (Deutsche Ausgabe herausgegeben von P. Falkai und H.-U. Wittchen). Göttingen: Hogrefe.

Dilling, H., Mombour, W., Schmidt, M. H., Schulte-Markwort, E., Remschmidt, H. & Weltgesundheitsorganisation. (2015). Internationale Klassifikation psychischer Störungen (10. Auflage, unter Berücksichtigung der Änderungen entsprechend ICD-10-GM 2015.) (S.26). Hogrefe.

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