Fluchtimpuls – “Ich muss hier raus!”

Fluchtimpuls. „Ich muss hier raus!“, „Ich will hier weg!“. So oder so ähnlich können sich Fluchtimpulse äußern.

Freiheitsdrang in Zeiten von Corona

Von Freiheit und Sehnsucht während dem Lockdown

Der Fluchtimpuls wird definiert als ein Impuls, der Fluchtverhalten auslöst. Hinter dieser weitgefassten Beschreibung verbirgt sich ein Gefühl, das die Corona-Pandemie in vielen von uns hervorgebracht hat. Das Gefühl, es nicht mehr auszuhalten; einfach hier raus zu müssen und aus der Situation flüchten zu wollen.

In uns wächst der Drang wegzulaufen und endlich wieder zu verreisen. Wir haben immer mehr das Gefühl, andere Länder und entfernte Orte sehen zu wollen. Denn seit Monaten haben wir immer das Gleiche vor unserer Nase. Unseren Fernseher, den Laptop oder das Handy. Hinzu kommt noch, dass wir wenig Abwechslung haben, immer dieselben Menschen sehen und uns fast nur noch Zuhause aufhalten.

Was führt zum Fluchtimpuls?

Wir Menschen sind Bewegungstiere. Das bedeutet, dass das Stillhalten und Abwarten kein Teil unserer Natur ist. Ein Freiheitsdrang ist sozusagen die biologische Grundkonstante unseres Lebens. Je länger der Lockdown und die soziale Isolation (Blogartikel: Was macht soziale Isolation mit uns?) andauert, desto schwieriger fällt es uns, abzuwarten und die Füße still zu halten. Unser Fluchtimpuls wird immer stärker.

Unsere Unsicherheit in der aktuellen Lage erzeugt Anspannung und wir nehmen sie als sehr herausfordernd wahr. Dadurch empfinden wir starke Emotionen, die uns zum Handeln und zur Bewegung drängen. Die Anspannung führt also zu einem Fluchtimpuls. Dieser Impuls wird von Angst angetrieben. Unter anderem auch von der Angst, die eigenen Grundbedürfnisse (Grawe, 2002) (Blogartikel: Was sind die Grundbedürfnisse nach Grawe?) nicht mehr ausleben zu können. Denn wir wollen einfach wieder raus, unsere Freunde treffen, unseren Hobbies nachgehen und wieder uneingeschränkt ins Ausland verreisen.

Fluchtimpuls - Wunsch nach Freiheit während der Corona Pandemie

Die Reaktanz-Theorie

Die Reaktanz-Theorie (Brehm, 1966) beschreibt, wie Menschen auf die empfundene Einengung ihrer Freiheitsspielräume reagieren. (Blogartikel: Was bedeutet Freiheit?). Diese Spielräume bestehen aus allen subjektiv erwartetet Verhaltensalternativen. Also aus allen Verhaltensmöglichkeiten, von denen wir glauben, frei über sie entscheiden zu können. Wenn wir das Gefühl haben, nicht mehr frei über unser Verhalten entscheiden zu dürfen, fühlen wir uns eingeengt und reagieren oft mit Widerstand. Zum Beispiel mit einem Fluchtimpuls.

Da wir durch den Lockdown nicht wegkönnen, fühlen wir uns in unserer Entscheidungsfreiheit eingeschränkt. Unser Fluchtimpuls und das „Ich muss hier raus“-Gefühl werden immer stärker, selbst wenn wir normalerweise in dieser Zeit des Jahres gar nicht verreisen würden. Der Lockdown und die damit einhergehenden Maßnahmen steigern unsere Sehnsucht nach Reisen und fernen Ländern.

Wie wirkt sich der Fluchtimpuls auf unsere Psyche aus?

Wir fühlen uns durch den Lockdown eingeengt und können ihm gleichzeitig nicht entkommen. Zudem macht uns die neue Situation Angst und Sorge. Die Ausweglosigkeit dieser angstauslösenden Situation führt zu einem ziellosen Bewegungsdrang, diffuser Unruhe und innerer Anspannung. Unser Fluchtimpuls wird immer stärker und somit auch das Gefühl, weiterhin stark eingeschränkt zu sein.

Auch innere Unruhe, Stress und soziale Abspaltung können Folgen eines anhaltenden Fluchtimpulses sein. Zudem können permanent nicht erfüllte Bedürfnisse eine geringere Frusttoleranz bewirken (Maslow, 1981) (Blogartikel: Was sind menschliche Grundbedürfnisse nach Maslow?) und die Aggressivität steigern.

Wie können wir mit Fluchtimpulsen umgehen?

Zwar können wir momentan nicht wirklich verreisen und unserem Fernweh nachgeben, aber wir können die Sehnsucht ein wenig stillen, in dem wir Fantasiereisen oder Imaginationen durchführen. So können wir uns zumindest an weiße Strände oder entfernte Orte träumen.

Außerdem können wir Reisen planen, für die Zeit, wenn wir wieder reisen dürfen. Das gibt uns Hoffnung und zeigt uns ein „Licht am Ende des Tunnels“. Außerdem lenkt es uns ein wenig von der aktuellen Situation ab und zeigt uns die schönen Dinge auf. Man sollte allerdings noch keine Reisen buchen, um der Enttäuschung zu entgehen, sollte die Reise nicht stattfinden können oder es das ausgesuchte Hotel nicht mehr geben.

Um mit der inneren Unruhe und dem Bewegungsdrang besser umgehen zu können hilft es, in die Natur zu gehen und sich an der frischen Luft zu bewegen. Dr. Roger Ulrich und Kolleg*innen konnten zeigen, dass die erholsamen Einflüsse der Natur unseren emotionalen Zustand positiv verändern, zu Entspannungsreaktionen führen und stressmindernd wirken.

Diese Effekte zeigen sich sowohl bei einem direkten Aufenthalt in der Natur als auch bei einer rein bildlichen Präsentation. Wenn also grade kein Wald in der Nähe ist oder die Lockdown-Beschränkungen einen Ausflug in die Natur nicht zulassen, kann auch das Anschauen von alten Urlaubsbildern oder Naturfotos dazu beitragen, der inneren Unruhe entgegenzuwirken und den Fluchtimpuls zu mindern.

 

Ballreich, R. (2016). Emotionen im Konflikt und in der Konfliktbearbeitung. Konfliktdynamik, 5 (3), 174–177. https://doi.org/10.5771/2193-0147-2016-3-174

Micali, S., & Fuchs, T. (2017). Angst: Philosophische, psychopathologische und psychoanalytische Zugänge. Verlag Herder GmbH

Ulrich et al. (1991). Stress recovery during exposure to natural and urban environments. Journal of Environmental Psychology. Volume 11, Issue 3 (201-230)

Blasche, G. (2010). Psychologie der Erholung unter besonderer Berücksichtigung des Tourismus.

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