Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)

Posttraumatische Belastungsstörung
Wir leben leider in einer Welt, in welcher einigen Menschen schreckliche Dinge, wie körperliche oder sexuelle Gewalt, Kriegshandlungen, Entführung, Einbrüche/Raubüberfälle, Bedrohungen, schwere Unfälle, Naturkatastrophen oder starke Vernachlässigung in der Kindheit widerfahren. Solche Erfahrungen bezeichnet man als Trauma, was im psychologischen Kontext so viel wie seelische Verletzung bedeutet.

In solchen Momenten wird den Betroffenen das Sicherheitsgefühl entrissen und stattdessen stellt sich übergreifende Gefühle der Hilflosigkeit und des Kontrollverlustes ein. Auf einmal wird die eigene Person als verletzlich und schutzlos und der Rest der Welt als bedrohlich und gefährlich wahrgenommen. Bei solch extremen Belastungen kann es dazu kommen, dass die psychische Verarbeitung nicht sofort möglich ist, sodass die betroffenen Personen das Erlebte sozusagen nicht in der Vergangenheit lassen können, sondern es sie ständig bis in die Gegenwart verfolgt.

Es ist zu erwähnen, dass eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) nicht nur bei Personen auftreten kann, denen oben erwähnte Geschehnisse selbst erlebt haben. Auch Personen, die solch traumatische Ereignisse bei einer anderen Person erlebt haben (also durch Beobachtung) oder erfahren haben, dass einem nahen Familienmitglied oder einem engen Freund so etwas widerfahren ist, können an einer PTBS erleiden. Ebenso wie beispielsweise Ersthelfer oder Polizisten, welche wiederholt oder im extremen Ausmaß mit schlimmen Details traumatischer Ereignisse konfrontiert wurden. Dann ist von einer Sekundärtraumatisierung die Rede.

Wie äußert sich eine PTBS?
Bei einer Posttraumatischen Belastungsstörung stehen vor allem die Symptome des ungewollten Wiedererlebens im Vordergrund. Vor allem bei den sogenannten Flashbacks sehen, hören, schmecken, riechen oder spüren in solchen Momenten das Gleiche wie während des Traumas. Auch die körperlichen und gefühlsmäßigen Reaktionen gleichen denen wie in der traumatischen Situation.

So hört beispielsweise ein Kriegsgeschädigter immer wieder die Schüsse, Bombeneinschläge und Schreie oder eine Frau, die in ihrer Wohnung überfallen wurde sieht ständig die Augen des Täters vor sich. Zudem kann es zu einer psychischen Belastung durch die Konfrontation mit bestimmten Hinweisreizen kommen, da dadurch ein Wiedererleben ausgelöst wird. Tagsüber zeigt sich das Wiedererleben also in Form von Erinnerungen an das Trauma, Tagträumen, Flashbacks und nachts in Form von Angstträumen. Zu erklären ist dies dadurch, dass diesen „Gedächtnisfetzen“ eine Zeitkomponente fehlt. Dadurch werden diese immer wieder so erlebt, als würden sie im Hier-und-Jetzt stattfinden und können nicht als „normale“ Erinnerung abgespeichert werden.

Da die Belastung sehr groß ist und auch in Folge starke körperliche Reaktionen hervorgerufen werden, versuchen Betroffene, Situationen oder Personen zu vermeiden, welche sie an das traumatische Erlebnis erinnern. Natürlich sind auch die Gedanken an solch ein Erlebnis selbst belastend, weshalb versucht wird, entsprechende Erinnerungen zu verdrängen.

Es kann jedoch auch dazu kommen, dass sich gar nicht mehr an wichtige Aspekte des traumatischen Ereignisses erinnert werden kann. Auf der anderen Seite kann es aber auch dazu kommen, dass viel über das Zustandekommen und die Konsequenzen des Traumas gegrübelt wird, also z.B. wie es hätte verhindert werden können oder wie es jetzt das eigene Leben ruiniert. Meist verändern sich auch die Gedanken im Sinne von überdauernden und übertriebenen negativen Überzeugungen oder Erwartungen, welche sich entweder auf die eigene Person („Ich bin schlecht“), andere Personen („Man kann niemandem trauen“) oder auf die ganze Welt („Die ganze Welt ist ein gefährlicher Ort“) beziehen. Auch Gedanken an Ursachen und Folgen können verzerrt werden, sodass die betroffene Person etwa sich selbst oder anderen (eigentlich unschuldigen) Personen die Schuld zuschreibt.

Der allgemeine emotionale Zustand der Person kann von starker Furcht, Ärger, Entsetzen, Trauer, Schuld oder Scham, der Unfähigkeit, positive Gefühle zu empfinden (z.B. Glück, Zufriedenheit, Gefühle der Zuneigung) bis hin zu emotionaler Taubheit reichen. Betroffene berichten oft davon, dass sie sich von anderen Menschen entfremdet fühlen, Kontakte und Aktivitäten aufgeben, die ihnen eigentlich wichtig waren. Dies kann zum einem mit dem emotionalen Zustand, zum anderen aber auch mit dem Vermeidungsverhalten zusammenhängen.

Neben den direkten körperlichen Reaktionen im Bezug auf das Wiedererleben des Traumas, verändert sich auch das gesamte Erregungsniveau deutlich. Dies macht sich in Form von Reizbarkeit und Wutausbrüchen (ohne oder aus geringfügigem Anlass), riskantes oder selbstzerstörerisches Verhalten, übermäßige Wachsamkeit, starke Schreckreaktionen, Konzentrations- und Schlafstörungen.

Ab welchem Zeitraum spricht man von einer PTBS?
Wie bei anderen psychischen Störungen auch ist der Zeitfaktor auch wichtig für die Diagnose. Es ist somit selbstverständlich und normal, in den ersten Tagen oder auch Wochen nach einem traumatischen Erlebnis, solche Symptome zu erleben.

Wenn diese Symptome drei Tage bis einen Monat lang auftreten, spricht man von einer akuten Belastungsstörung. Wenn die psychische Belastung sich jedoch auch nach einem Monat nicht verringert, könnte eine Posttraumatische Belastungsstörung vorliegen. Außerdem kann eine PTBS auch mit einem verzögerten Beginn, das heißt erst bis zu 6 Monate nach dem traumatischen Erlebnis, auftreten. Dies findet sich jedoch nur in 3-11% der Fälle.

Risikofaktoren
Es gibt einige Faktoren, welche die Wahrscheinlichkeit, nach einem traumatischen Erlebnis an einer PTBS zu erleiden, erhöhen. Einen sehr wichtigen Faktor stellt hier die soziale Unterstützung dar.

Je weniger Beistand generell durch Familie oder Freunde geleistet wird, umso höher ist das Risiko für eine PTBS. Auch negative Kindheitserfahrungen und bereits vorher bestehende psychische Störungen erhöhen das Risiko.

Des Weiteren sind Personen mit bestimmten Persönlichkeitsvariablen, zum Beispiel Feindseligkeit oder ein geringes Gefühl der Selbstwirksamkeit (Gefühl, kompetent zu sein und die Anforderungen des Lebens meistern zu können), eher risikobehaftet. Wiederholte Trauma-Erfahrungen erhöhen zusätzlich das Risiko sowie sogenannte „man-made“, also durch Menschen verursachte, Traumata (im Gegensatz zu „nature-made“). Besonders riskant für die Entstehung einer PTBS sind hier Traumaerfahrungen, welche mit nahestehenden Personen in Verbindung stehen.

Wie lässt sich eine PTBS erklären?
Wie oben bereits erwähnt, erklärt nicht das vergangene Trauma selbst die Angst und die PTBS-Symptome, sondern die Wahrnehmung, dass gegenwärtig noch eine schwere Bedrohung vorhanden ist. Dies liegt an dem sogenannten Traumagedächtnis. Hier werden bedauerlicherweise nur einzelne „Gedächtnisfetzen“ anstatt einer zusammenhängenden Erinnerung abgespeichert, wodurch der zeitliche Bezug fehlt. Wenn man sich das Gedächtnis wie eine Kartei vorstellt, in welche Erinnerungen an der passenden Stelle eingeordnet werden, fliegt das traumatische Erinnerungsfragment ständig umher, ohne seinen Platz zu finden und gerät so auch immer wieder in die Gegenwart, wo es dann immer wieder wiedererlebt wird.

Ein weiteres Problem des Traumagedächtnises ist, dass die auslösenden Reize aufgrund der fehlenden genauen Abspeicherung leicht generalisiert werden. Das heißt, dass es auch bei ähnlichen Reizen (wie bspw. Raketenschüsse im Krieg im Trauma – und generalisierte Raketenkracher an Silvester) zu den PTBS-Reaktionen kommt.

Besonders schwerwiegende Störungen des Traumagedächtnisses treten auf, wenn die betroffene Person während des traumatischen Erlebnisses dissoziiert. Unter einer Dissoziation versteht man eine Art Abspaltung. In Bezug auf körperliche oder mentale Prozesse entsteht ein Gefühl losgelöst zu sein oder diese von außen zu betrachten. Zu beschreiben ist dies etwa mit dem Gefühl, als wäre man in einem Traum, einem Gefühl der Unwirklichkeit des Selbst bzw. des eigenen Körpers oder durch das Gefühl, als ob die Zeit langsamer vergeht. Man spricht hier von einer Depersonalisation. Doch nicht nur die eigene Person sondern auch die Umgebung kann als unwirklich, wie im Traum, weit entfernt oder verzerrt erlebt werden. Dann ist von einer Derealisation die Rede.

Diese Prozesse der Dissoziation geschehen unwillkürlich, also außerhalb der eigenen Entscheidungskraft, und können in traumatischen Momenten als Schutzmechanismen der Psyche verstanden werden, um die Situation überstehen bzw. überleben zu können. Vor allem bei Kindern, deren Persönlichkeit sich ja grade noch in der Entwicklung befindet, kann es dann zu einer sogenannten dissoziative Identitätsstörung (früher auch unter „multiple Persönlichkeitsstörung“ bekannt) kommen.

Behandlungsmöglichkeiten
Im ersten Jahr nach dem traumatischen Erlebnis kommt es in etwa der Hälfte der Fälle zu einer Spontanremission, also eines Abklingens der PTBS ohne therapeutische Hilfe. Bei etwa einem Drittel der Betroffenen kommt es leider zu einem chronischen Verlauf. Eine psychotherapeutische Behandlung ist auf jeden Fall ratsam, da die Erkrankungsdauer ohne Behandlung etwa bei fünf Jahren und mit Behandlung bei drei Jahren liegt.

Außerdem ist es wichtig zu beachten, dass sich in allen Fällen (also auch bei Betroffenen mit Spontanremission) in der Zeit weitere psychische Störungen entwickeln können. So sind bei PTBS-Patienten häufig (in 62 – 92% der Fälle; je nach Studienergebnissen) Angststörungen, affektive Störungen (also Depressionen oder Bipolare Störungen), somatoforme Störungen und Substanzmissbrauch zu finden.

Eine psychotherapeutische Behandlung ist also durchaus sinnvoll. Hier kann die betroffene Person in einer sicheren und geschützten Umgebung die traumatischen Erinnerungen verarbeiten und wichtige Kompetenzen erwerben. Es ist anfangs sehr wichtig, die hinter den PTBS-Symptomen stehenden psychischen Vorgänge zu erklären. Zudem können zu Beginn Entspannungstechniken, Atemtechniken oder Imaginationsübungen zur emotionalen Stabilisierung eingesetzt werden.
Im weiteren Verlauf der Therapie ist es wichtig, das genaue Vermeidungsverhalten, welches mit den Angstsymptomen in Verbindung steht, herauszufinden. Dieses kann auf externe Reize, also z.B. den Tatort oder mit dem Trauma assoziierte Aktivitäten/ Situationen, als auch auf interne Reize, also z.B. emotionale Reaktionen, Gedanken, bezogen sein. Da das Vermeidungsverhalten dazu führt, dass die betroffene Person sich in Folge nicht mehr mit den angstauslösenden Reizen beschäftigt, kann auch ein Umlernen, dass in der Gegenwart keine Bedrohung mehr davon ausgeht, nicht stattfinden. Dies ist aber sehr wichtig, um die „Erinnerungsfetzen“ in dem Gedächtnis (in der Schublade „Vergangenheit“) abzuspeichern. Da eine reale („in vivo“) Konfrontation für viele PTBS-Patienten zu extrem bzw. zu belastend ist, wird diese häufig imaginativ („in sensu“) durchgeführt. Eine genaue Beschreibung der sogenannten Expositionstherapie ist in den Blogartikeln zu Depressionen und Angststörungen zu finden.

Neben diesem Therapieverfahren kommen auch häufig Kognitive Therapieverfahren zum Einsatz. Hier wird sich vor allem auf die Veränderung negativer Gedanken und Bewertungen in Bezug auf das traumatische Ereignis konzentriert, wie z.B. überhöht eingeschätzte Auftretenswahrscheinlichkeiten von Gefahren oder Schuld- und Schamgefühle.

Eine weitere gut Wirksame Behandlungsmöglichkeit liegt in der sogenannten Augenbewegungs-Desensibilisierungs- und Verarbeitungs-Therapie (engl.: Eye Movement Desensitization and Reprocessing, EMDR). Bei dieser Technik soll sich die betroffene Person an das traumatische Ereignis erinnern und durch ein gleichzeitiges Hin- und Her-Bewegen der Augen wird die Traumaverarbeitung im Gehirn „angekurbelt“. Die Erinnerungen können also dadurch wiedererlebt und in einer sicheren Umgebung in dem Gedächtnis abgespeichert werden, sodass sie dann in der Gegenwart nicht mehr belastend sind. Aktuelle Studien über die Wirksamkeit der Online-Durchführung der EMDR-Therapie scheinen vielversprechend zu sein.

PTBS in Zeiten von Corona
Auch Erfahrungen mit Corona können zu posttraumatischem Stress führen, welcher sich etwa durch Schlaflosigkeit, einer hohen Anspannung und Schreckhaftigkeit, Niedergeschlagenheit und Rückzug widerspiegelt. Dies kann zum einem durch die ständige Sorge, insbesondere die Eltern oder Großeltern anzustecken und zum anderen durch starke und langanhaltende Schuldgefühle und Selbstvorwürfe ausgelöst werden, welche etwa in Folge einer Erkrankung oder gar des Todes eines Angehörigen an Corona auftreten. Besondere Risikofaktoren scheinen hier das weibliche Geschlecht, vergangene traumatische Erlebnisse, langanhaltende Symptome, die Stigmatisierung von psychischen Störungen allgemein, ein durch die Pandemie bedingter Jobverlust sowie eine generelle negative Sicht auf die COVID-Pandemie zu sein. Um diesen posttraumatischen Symptomen entgegenzuwirken scheinen laut diversen Studien individuelle Bewältigungsstrategien gegenüber Stress besonders wichtig zu sein. Hier können beispielsweise Resilienztraining, Achtsamkeitsübungen oder Entspannungstechniken hilfreich sein.

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