Zurück in die Natur

Zurück in die Natur

Neugierde & Weltentdeckungsdrang – Faszination Wildnis Teil 2

 

Unser Bedürfnis, die Natur- und Tierwelt zu erkunden

Zurück in die Natur. Seit es Menschen gibt, gibt es die Sehnsucht nach der Ferne. Wir wollen aufbrechen und unseren Horizont erweitern. Wir streben nach Neuem und danach, unsere vertraute Umgebung zu verlassen. Wir bestaunen die unendliche Weite der Wüste, die geheimnisvolle Undurchdringbarkeit des Urwaldes und die majestätische Schönheit der Berge. Wilde, unberührte Natur fasziniert uns und zieht uns an.

Doch wie kommt es zu dieser Faszination für die Wildnis? Was macht wilde, unberührte Natur für uns so anziehend?

 

„Es gibt nichts Schöneres, als aufzubrechen“ – Peter Handke

 

Die Anziehungskraft von Gefahr

Warum wollen wir zurück in die Natur? Die Wildnis gilt als Gegenstück der Zivilisation. Es herrschen die Regeln der Natur und das Prinzip Survival of the fittest. In der Wildnis sind wir der Natur und ihrer Tierwelt nahezu schutzlos ausgesetzt. Was also treibt uns in diese unsichere und undurchdringliche Umgebung?

Zum einen ist es unsere angeborene Neugierde, der menschliche Drang, die Welt zu entdecken und Neues zu erfahren (zum Blogartikel: “Neugierde auf Reisen. Faszination Wildnis – Teil 1”).

Zudem bietet die Wildnis grade wegen ihrer Undurchdringlichkeit und Unsicherheit eine Vielzahl an Abenteuern, die besonders auf Stadt-Menschen anziehend wirken. Die Gefahr, die von der Wildnis ausgeht, führt dazu, dass wir zum Nachdenken angeregt werden. Wie bezwinge ich die Natur um mich herum? Wie werde ich Herr der Lage? Wir müssen in der Wildnis vieles tun, um sie zu bezwingen. Und genau das ist es, was uns anzieht. Wir wollen die Elemente kämpfend bezwingen. Es mit der wilden, gefährlichen Natur aufzunehmen und diese zu bewältigen, macht uns Angst und lässt uns erbeben, aber es fasziniert uns eben auch gleichermaßen.

Die Emotionstheorie

Der US-amerikanische Psychologe Richard Lazarus gilt als Begründer der Emotionstheorie. Diese besagt, dass Emotionen durch die subjektive Bewertung einer Situation, eines Ereignisses oder einer Sache entstehen. Dabei spielen vor allem Neuheit, Überraschung, Unerklärlichkeit und Komplexität eine entscheidende Rolle. Kurz gesagt, wenn Menschen eine Situation als neu und mysteriös bewerten, dann empfinden sie diese auch als interessant.

Und genau das passiert in der Wildnis. Sie ist neu für uns, sie ist mysteriös und überraschend. Es ist also nicht verwunderlich, dass wir sie als interessant empfinden und uns von ihr angezogen fühlen. Schließlich machen uns interessante Dinge besonders neugierig …

Die Wildnis macht uns zu Helden und Heldinnen

Mit dem Gefühl, der Gefahr der Wildnis zu trotzen und sie bezwingen zu können, geht ein Gefühl des Stolzes einher. Wir werden zu Kämpfern und fühlen uns lebendig, indem wir uns kämpfend mit der Wildnis auseinandersetzen.

Diese kämpferische Auseinandersetzung mit der Natur ist kein neues Phänomen. Schon seit Anbeginn der Menschheit kämpfen wir mit der Natur und versuchen die Gefahren und Risiken der Wildnis zu überwinden. Die Überquerung des Ozeans durch Kolumbus oder die ersten Alpenüberquerungen sind nur zwei, von unzähligen Beispielen für diese Art der Auseinandersetzung. Und wieder hat uns unsere Neugierde dazu getrieben, die Welt zu erkunden und dabei herauszufinden, was sie uns noch zu bieten hat.

Natürlich versetzt uns der „Kampf“ mit der Natur und ihren Gefahren in Angst und Nervosität. Am Ende jedoch, hinterlässt uns der Kampf auch ein Gefühl von Lebendigkeit und grenzenloser Freude, wenn wir diese Gefahren überlebt haben und siegend aus der Wildnis zurückkehren. Es ist dieses Glücksgefühl, nach dem wir uns sehnen. Ein Gefühl voller Faszination und Begeisterung sowie Lust und Lebensfreude.

Die Wildnis zeigt uns zwei Seiten unserer Selbst: eine ängstliche und eine kämpferische Seite. Wenn die kämpferische über die ängstliche Seite siegt, entsteht eben jenes Glücksgefühl.

 

„Mir ging es beim Unterwegssein in der Wildnis nicht um die Welt draußen, sondern um die Welt in mir drinnen. Ich war Eroberer meiner eigenen Seele“ – Reinhold Messner

 

Der Aspekt der Freiheit

Der Lärm und die ständige Hektik der Stadt haben deutliche Auswirkungen auf uns Menschen. Es ist nie still um uns herum. Diese dauerhafte Unruhe kann Schlafstörungen und Depressionen auslösen (zum Blogartikel: “Depression in Zeiten von Corona”). Und vielleicht ist es auch das, wonach wir uns sehnen und was uns an der Wildnis so sehr fasziniert: Stille. Keine künstlichen Geräusche, kein Stadtlärm, keine hupenden Autos oder wütende Fußgänger*innen. Nur unser Atem, unser Fußstapfen und die Geräusche der Natur.

Zurück in die Natur

Die Wildnis stellt zudem einen Ort dar, in dem eine Abwesenheit der menschengemachten Ordnung herrscht. Wir sind dort nicht mehr von der Natur entfremdet, sondern werden wieder, ganz bewusst, ein Teil von ihr. Die wilde Natur verkörpert einen ganz besonderen Aspekt von Freiheit : Freiheit von der zivilen und kulturellen Ordnung, Freiheit von Lärm und Hektik, Freiheit von Stress und negativen Gedanken. Freiheit von einer Gesellschaft, die sich an Technik und sozialen Medien orientiert (zum Blogartikel: “Was bedeutet Freiheit? Freiheit aus psychologischer Sicht.”).

In der Wildnis erleben wir eine emotionale Nähe zu einem utopischen Urzustand. Wir sind fasziniert von diesem Ort, der uns zugleich die Entlastung von gesellschaftlichen Konventionen und den Regeln des zivilisierten Lebens ermöglicht. Und zum anderen wird unsere Sehnsucht nach der Ursprünglichkeit und Ungezähmtheit stillt.

Wir verknüpfen die Wildnis mit der Idee eines guten, sinnerfüllten Lebens. Sie ist für uns ein Ort emotionaler Erfahrungen und emotionaler Freiheit. Dieses Freiheitsgefühl, was wohlmöglich nirgendwo auf der Welt so stark ist, wie in wilder unberührter Natur, trägt maßgeblich zu unserer Faszination bei. Wir wollen zurück in die Wildnis, zurück in die Freiheit. Zurück in die Natur!

 

“Wildnis ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit für den menschlichen Geist” – Edward Abbey

 

Ein wenig Wildnis für zu Hause

Das unmittelbare Erleben wilder Natur ist für uns immer wichtiger geworden. Wir nehmen die Wildnis als einen Ort der Erfahrung von Ursprünglichkeit, Erhabenheit und Freiheit wahr. Sie ermöglicht es uns, unsere Grenzen zu überschreiten und Herausforderungen zu meistern. Sowohl körperlich als auch geistig. Durch die Natur können wir uns unserer Instinkte und Triebe wieder bewusster werden. Und obwohl von der Wildnis viele Gefahren ausgehen, nehmen wir sie meistens nicht als Bedrohung wahr sondern als positiven Ort.

Durch die Corona-Pandemie ist es uns zurzeit nicht möglich in die „klassische Wildnis“ zu reisen. Der Amazonas, Safaris oder Gletscher bleiben vorerst Orte unserer Träume. Aber durch Natur- oder Tierdokumentationen über die Wildnis, können wir uns zumindest einen kleines bisschen Wildnis nach Hause holen. Und auch in deutschen Wäldern lässt sich die Natur im kleinen Rahmen bezwingen und uns als Held*in aus einer Wandertour hervorgehen. (à Verlinkung Blogartikel: Reisealternativen.

Quellen:

Girtler, R. (2012). WILDNIS Faszination und Abenteuer. Silva fera, Bd. 1 / April 2012

Hass, A. et al. (2012). Sehnsucht nach Wildnis – Aktuelle Bedeutung der Wildnistypen Berg, Dschungel, Wildfluss und Stadtbrache vor dem Hintergrund einer Ideengeschichte von Wildnis. transcript-Verlag. https://doi.org/10.14361/transcript.9783839418666.107

Kirchhoff, T. (2012). Natur – Landschaft – Wildnis | bpb. bpb.de. https://www.bpb.de/gesellschaft/umwelt/dossier-umwelt/76052/natur-landschaft-wildnis?p=1

Warum wir mehr in die Natur gehen sollten. (2019). Heimatverband

Was macht Menschen neugierig?. (2021). zukunftsInstitut. https://www.zukunftsinstitut.de/artikel/was-macht-menschen-neugierig/